Rund 80 Teilnehmer kamen zum 3. Saarpfalz-Gipfel, der in Kooperation mit der Stadt St. Ingbert und dem bundesweiten Demographienetzwerk e. V. (ddn) in der Stadthalle in St. Ingbert stattfand.

In ihren Begrüßungsworten betonten Landrat Dr. Theophil Gallo und Oberbürgermeister Hans Wagner noch einmal das Bestreben aller Kooperationspartner, den 2015 geschlossenen Demographiepakt mit Leben zu füllen.

Vom demographischen Wandel seien alle Menschen betroffen. Daher sei es wichtig, die Probleme anzugehen und möglichst kreative, gemeinsame Aktivitäten zur Lösung zu finden. Mit dem Thema „Länger zu Hause LEBEN“ stand die Versorgung und Betreuung von älteren und pflegebedürftigen Menschen und die damit verbundene Gesundheitsversorgung im Fokus der Veranstaltung.

Hakisa auf dem Saarpfalz-Gipfel

Foto Anita Bäcker: (v.l.): Loring Sittler, Jean-Louis Chudz (Communauté de Communes du Pays de Bitche), Prof. Dr. Kerstin Hämel, Christopher Kaufmann (Stiftung Landleben), Jürgen Hofmann (Leiter Entwicklungsmanagement Locate Solution GmbH, Hager Group), Eric Gehl (CEO Hakisa), Landrat Dr. Theophil Gallo, Nadja Carius (izes), Torsten Czech, Fachbereichsleiter Regionalentwicklung und Mark Herzog, Demographiebeauftragter des Saarpfalz-Kreises.

Der demografische Wandel – Eine Herausforderung für unsere Gesellschaft

Bereits in der Anfangsdiskussion mit Theophil Gallo, Jürgen Hofmann (Leiter Entwicklungsmanagement Locate Solution GmbH, Hager Group), Eric Gehl (CEO Hakisa) und Francis Vogt (Präsident der Communauté de Communes du Pays de Bitche) wurden die größten Handlungsfelder im Pflegebereich mit Blick auf den demographischen Wandel identifiziert.

Das Fehlen von Fachkräften im Pflegesektor sei der Tatsache geschuldet, dass einfach viel weniger Menschen in den Arbeitsmarkt eintreten, als in Rente gehen und die Vereinbarkeit von Arbeit und Pflege durch die Ausdünnung von familiären Strukturen zunehmend schwieriger wird. Dabei sollte auch der Kostenfaktor Gesundheit nicht unterschätzt werden, der im Alter eine immer größere Rolle spiele.

Gehl stellte in diesem Zusammenhang eine Plattform vor, die Sanitär-Dienste mit sozialen Diensten verbindet, eine integrierte Versorgung, die von Hakisa koordiniert wird. Zum erfolgreichen Einsatz kommt das Projekt bereits in Bitche, wie Vogt berichtete. Er und Gallo seien in diesem Bereich stark an einer Kooperation der beiden Regionen interessiert – aber auch was das Thema Sprache angeht, wie beide betonten.

Die Rolle der Prävention in der Gesundheitsförderung darf nicht unterschätzt werden

Prof. Dr. Kerstin Hämel, Professorin für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld zeigte anhand von Praxisbeispielen aus anderen Ländern verschiedene Lösungsansätze auf. Zum einen stellte sie das Konzept von integrierten Gesundheitszentren vor, die sich u.a. durch Multiprofessionalität, die Bündelung von Diensten und einer patientenorientierten Organisation auszeichnen. Auch die Home Care Teams, ein Konzept aus Finnland, bieten einen interessanten Ansatz. Dabei handelt es sich um dezentrale Pflegeteams, die meist an ein Zentrum angebunden sind. Im Mittelpunkt dieser Home Care Teams steht die Personal Nursing, die eine auch eine koordinierende Funktion übernimmt und die von sogenannten Practical Nurses unterstützt wird. „Grundsätzlich müssen die Grundversorgung gestärkt und multiprofessionelle Teams geschaffen werden, um eine passgerechte Betreuung zu gewährleisten. Darüber hinaus sollten an der Bevölkerungszahl ausgerichtete und gemeindeorientierte Arbeitsweisen im Rahmen der Zusammenarbeit mit den einzelnen Kommune gefördert und die zentrale Rolle der Prävention in der Gesundheitsförderung nicht unterschätzt werden. Last but not least muss die Pflege aufgewertet werden, sowohl in finanzieller als auch in ausbildungstechnischer Hinsicht“, bekräftigte Prof. Dr. Hämel in ihren abschließenden Worten.

Ein Paradigmenwechsen für die Versorgungsbranche

Loring Sittler, ehemaliger Leiter des Generali Zukunftsfonds plädierte für einen Paradigmenwechsel in der Versorgungsbranche. Dies untermauerte er mit den folgenden Thesen. Zum einen seien die herkömmlichen Versorgungssysteme in ihrer jetzigen Form dem demographischen Wandel nicht gewachsen. Fehlen heute schon 70.000 Personen in der Pflege, seien es bis 2050 bereits 500.000. Darüber hinaus würden heute noch siebzig Prozent der Pflege zuhause stattfinden, geleistet von Familienmitgliedern – meist Frauen. Wie bereits in der Anfangsdiskussion und von Kerstin Hämel erwähnt, sieht auch Loring Sittler diesen Zustand in Zukunft problematisch.

Zum zweiten hält er eine stärkere Eigenorganisation der Versorgungssysteme für notwendig sowie schließlich die Generierung neuer gesellschaftlicher Ressourcen. „In diesem Punkt hat der Saarpfalz-Kreis bereits den ersten wesentlichen Schritt getan. Mit dem Demographiepakt hat er es geschafft, die Verantwortlichen an einen Tisch zu bringen. Eine hervorragende Leistung, für die ihm der Demographie Exzellenz Award verliehen wurde“, so Sittler, der im letzten Jahr in der Jury für den begehrten Preis saß. Denn so Sittler weiter, es gäbe kein Erkenntnisproblem sondern viel mehr ein Umsetzungsproblem.

Hier sei es an Politik und Verwaltung, Lösungsansätze zu finden und diesen Prozess zu unterstützen. Daher müsse ein gemeinsames Handeln aufgebaut werden, denn es sei nicht ausreichend geklärt, wie ein Wandel in der Versorgungsbranche finanzierbar sei. Hierzu müssten alle drei Sektoren Politik, Wirtschaft sowie Stiftungen, Vereine und Wohlfahrtsverbände an einem Strang ziehen und finanzielle Beiträge leisten. Eine sinnvolle Rechtsform für eine solche Kooperation sei eine Genossenschaft, da sie auf dem Demokratieprinzip, dem Solidaritätsgedanken, dem Identitätsprinzip, dem Förderprinzip und dem Selbsthilfeprinzip basiere. Grundsätzlich sei jedoch auch wichtig, mehr Transparenz zu schaffen und für einen guten Wissensaustausch unter den Beteiligten zu sorgen.

Vernetzte Altersmedizin und Ausbau des Geriatrienetzwerks

Dass sich das Kreiskrankenhaus St. Ingbert hier schon auf einem guten Weg befindet, wurde im Vortrag von Geschäftsführer Thorsten Eich deutlich. Er stellte die medizinischen Versorgungszentren in St. Ingbert und Blieskastel vor. Ein weiterer Schwerpunkt betraf die Grundgedanken einer vernetzten Altersmedizin rund um den geriatrischen Patienten. Darüber hinaus sei der Ausbau des bereits gegründeten Geriatrienetzwerks Saarpfalz ein wichtiges Vorhaben, es handelt sich um den Zusammenschluss von verschiedenen Akteuren des Gesundheitswesens, zu denen beispielsweise Apotheken, Ärzte und Pflegeeinrichtungen gehören. Somit könnten u.a. neue Versorgungsangebote entwickelt werden.

REGINE – Blick auf die Innenentwicklung von Orten

Im Rahmen des 3. Saarpfalz-Gipfels wurde zudem die Machbarkeitsstudie REGINE vorgestellt, die vom izes unddem Saar-Lor-Lux Umweltzentrum erstellt wurde. Die Studie beschäftigt sich mit der Innenentwicklung von Orten einschließlich der zunehmenden Leerstandsproblematik sowie mit der Frage der Schaffung von neuem Wohnraum in der LEADER-Region Biosphäre und Saarpfalz-Kreis. Die grundlegende Idee ist, leerstehende private oder öffentliche Gebäude aufzukaufen, energetisch und altersgerecht zu sanieren und z.B. älteren Menschen zum Kauf oder zur Miete anzubieten, die gerne ihr nicht mehr bedarfsgerechtes, in vielen Fällen zu großes oder nicht barrierefreies Einfamilienhaus verkaufen möchten. Die Einfamilienhäuser werden wiederum saniert und jungen Menschen mit größerem Platzbedarf angeboten. Dahinter soll laut Studie eine Gesellschaft stehen, die sich sowohl um potenzielle Immobilien kümmert als auch eine vernetzende, koordinierende und marketingtechnische Rolle übernimmt.

saarpfalzgipfel-2017

Hauptgesellschafter sollen der Landkreis, Kommunen sowie regionale Banken sein, die in ein gut funktionierendes Netzwerk an Unterstützern wie Unternehmen, Wirtschaftsförderungsgesellschaft, Standortentwicklungsgesellschaft, Land und Bürgern eingebettet sind. Die empfohlene Rechtsform ist die (g)GmbH, der errechnete Kapitalbedarf liegt der Studie zufolge bei 2,5 Mio. Euro. Dabei soll sich die Gesellschaft zwar nicht am Gewinn orientieren, sie soll sich jedoch selbst tragen.

Insgesamt bringt dieses Vorhaben einen hohen gesellschaftlichen Mehrwert mit sich. Neben der Verbesserung der Wohnsituation wird auch die Standortattraktivität erhöht, der kommunalen Daseinsvorsorge wird nachgekommen und es können Synergien zwischen Regionalentwicklung und Biosphäre gebildet werden. Bevor die Empfehlungen in die Tat umgesetzt werden, müssen die Ergebnisse der Studie jedoch noch von der Fachabteilung gründlich ausgewertet und die weitere Vorgehensweise, dazu gehört auch die Einbindung politischer Gremien und weiterer Partner, festgelegt werden. Schließlich gilt es, auch Fördermittel zu recherchieren und zu akquirieren.

Den demografischen Wandel erfolgreich gestalten

Abschließend betonte Theophil Gallo, dass man trotz der vielen Projekte, die schon angelaufen sind, dankbar für weitere Ideen und alle Partner sei, die sich in diesem Prozess, auch und gerade im Hinblick auf die soziale Teilhabe, engagieren wollen. Er verrät, dass es auch im nächsten Jahr wieder einen Saarpfalz-Gipfel geben wird – eventuell mit dem Schwerpunkt Unternehmen.

„Wir sind auf einem guten Weg, erste Weichen wurden gestellt, aber wir müssen auch Unternehmen stärker in die Verantwortung einbinden, um den demographischen Wandel erfolgreich zu gestalten“.

Für weitere Informationen:
Pressestelle des Saarpfalz-Kreises
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Ansprechpartner: Anika Bäcker & Beate Ruffing